Auch bei uns wird über die Ansiedlung von KI-Rechenzentren gesprochen — als Ergänzung zu den geplanten Windvorranggebieten im Landkreis. Wir haben nachgerechnet, was ein Vorhaben dieser Größenordnung tatsächlich braucht — und was hier davon fehlt.
Die Grundidee: Windstrom und Rechenzentrum am selben Ort, das entlaste doch das Netz, weil der Strom gleich hier verbraucht wird, statt abtransportiert werden zu müssen. Das klingt zunächst plausibel. Es hält aber einer genaueren Betrachtung nicht stand — schon allein deshalb, weil ein KI-Rechenzentrum heute eine ganz andere Dimension hat, als der Begriff vielleicht vermuten lässt.
Ein Beispiel aus der aktuellen Baupraxis zeigt die Größenordnung: In Lübbenau (Lausitz) entsteht gerade eines der größten Rechenzentren Deutschlands — 200 Megawatt Anschlussleistung, 100.000 Grafikprozessoren, die Anlage soll spätestens 2031 fertiggestellt sein [1]. Zur Einordnung: Deutschlands bislang größtes Rechenzentrum kommt auf 82 Megawatt [2]. 200 Megawatt sind aktuell noch Ausnahmeformat, aber zukünftig Realität: Die aktuell größten neuen KI-Trainingszentren weltweit planen praktisch alle in dieser Liga oder weit darüber. Die einzelnen Standorte des US-Großprojekts „Stargate" (OpenAI, Oracle, SoftBank) liegen etwa bei 1,2 bis 2,2 Gigawatt pro Standort, das Sechs- bis Elffache von Lübbenau [11]. Noch gigantischer: Metas Rechenzentrums-Campus „Hyperion" in Louisiana soll sogar auf 5 Gigawatt anwachsen, das 25-Fache von Lübbenau [12]. Wer heute über KI-Rechenzentren spricht, redet also über genau diese Dimensionen — nicht über einen Server-Schrank im Gewerbegebiet.
Der Engpass ist das Netz
Bekanntermaßen baut Avacon die 110-kV-Trasse zwischen Lüneburg und Dannenberg aus: von aktuell 130 Megawatt auf ein Ausbauziel von 800 Megawatt Übertragungsleistung [3]. Das klingt nach viel, ist es aber nicht: Diese 800 Megawatt sind, wie Avacon selbst bestätigt, redundant ausgelegt — für den Fall, dass eine der beiden Leitungen ausfällt, muss die andere allein tragen können. Effektiv und dauerhaft gesichert verfügbar sind damit nur rund 400 Megawatt, nicht 800. Und von diesen 400 Megawatt ist schon heute ein erheblicher Teil durch die bestehende Grundlast belegt, die oft nahe an der aktuellen 130-Megawatt-Grenze liegt. Mit wachsender E-Mobilität und Dekarbonisierung wird diese Grundlast weiter steigen.
Schon ohne jedes Rechenzentrum ist dieses Budget zu knapp: Allein die im Landkreis geplante Windkraft soll nach dem Regionalen Raumordnungsprogramm rund 200 Anlagen umfassen. Bei der heute marktüblichen Anlagenklasse von 7,2 Megawatt Nennleistung ergibt das rund 1.440 Megawatt installierte Spitzenleistung — die theoretische Höchstlast bei optimalem Wind, keine Dauerleistung, denn im Jahresschnitt liefern Windkraftanlagen an Land nur rund 20 Prozent ihrer Nennleistung. Aber genau diese Spitzenlast ist es, die bei guten Windverhältnissen durchs Netz muss: 1.440 Megawatt Erzeugung übersteigt die erwähnte Netzkapazität von 400 Megawatt um ein Mehrfaches. Das Netz ist der Engpass im System, nicht die Erzeugung: Im Landkreis kommt es deshalb regelmäßig zu Abregelung von Wind- und PV-Anlagen, weil der Strom, der hier erzeugt wird, nicht abtransportiert werden kann [4].
Für ein Rechenzentrum in diesem Maßstab bliebe in diesem System kaum Platz: Geht man von einer Größenordnung wie Lübbenau aus (200 Megawatt), würde ein einziger Betrieb allein die Hälfte der gesamten effektiven Netzkapazität beanspruchen — die zudem erst 2032 fertig ausgebaut ist. Dabei hilft auch das „lokal verbraucht"-Argument nicht: Ein Rechenzentrum dieser Größe läuft nicht nur bei Wind, sondern rund um die Uhr, mit einer Verfügbarkeit, die keine Unterbrechung zulässt. Bei Wind wird der Strom lokal verbraucht, richtig — bei Flaute muss exakt dieselbe Anlage die komplette Leistung von außen importieren, und zwar genau dann, wenn im ganzen System am wenigsten Kapazität übrig ist, da alle importieren müssen. Ein Rechenzentrum neben Windrädern „entlastet" das Netz also nur an guten Tagen; an schlechten wird es zum größten Stromimporteur im System.
Es gibt gar nicht genug Windräder
Selbst wenn man das Netzproblem ausblendet und rein rechnerisch fragt, wie viele Windräder es bräuchte, um ein 200-Megawatt-Rechenzentrum lokal mit Windstrom zu „begleiten": Bei der 7,2-Megawatt-Klasse wären das rund 28 Anlagen allein für die installierte Nennleistung. Da Windkraftanlagen an Land aber nur rund 20 Prozent ihrer Nennleistung liefern, bräuchte es tatsächlich rund 140 Anlagen, um im Jahresschnitt überhaupt auf die volle Leistung zu kommen. Eine solche Anlagendichte gibt es nirgends — zum Glück. Selbst ein Windkraft-Hotspot wie Zernien kommt mit rund 18 Anlagen, plus ein paar weiteren im Umland, auf eine Größenordnung, die von diesen 140 Anlagen weit entfernt ist.
Die Speicherillusion
Wie ließe sich eine Flaute überbrücken, wenn nicht durch Stromimport? Die naheliegende Antwort — Batteriespeicher — zeigt bei genauem Hinsehen, warum das keine ernsthafte Option ist. Ein 200-Megawatt-Rechenzentrum braucht für eine einzige Stunde Betrieb 200 Megawattstunden Speicher — das entspricht der Batteriekapazität von rund 4.000 Elektroautos, aneinandergereiht eine durchgehende Autokolonne von Dannenberg nach Lüchow. Kostenpunkt bei aktuellen Marktpreisen: ab 30 Millionen Euro. Für eine Stunde.
Eine echte Dunkelflaute dauert selten nur eine Stunde. 24 Stunden ohne nennenswerten Wind- und Sonnenertrag kommen in Deutschland fast monatlich vor; das bislang extremste Beispiel aus dem November 2023 dauerte rund 161 Stunden, also fast eine Woche [7]. Für einen einzigen Tag bräuchte man bereits das Sechs- bis Zehnfache von Deutschlands aktuell größtem Batteriepark — für ein einziges Rechenzentrum dieser Kategorie.
In der Praxis läuft es deshalb anders: Backup kommt nicht aus Batterien, sondern aus Dieselgeneratoren — wie auch in Lübbenau. Solche Notstromaggregate sind branchenüblich für Stunden bis maximal wenige Tage ausgelegt — eine wochenlange Flaute überbrücken sie nicht [8]. Die eigentliche Absicherung läuft über den Netzanschluss — also über genau die Kapazität, die hier laut Ausbauplanung ohnehin knapp ist.
Die Frage der Kühlung
Wie wird die erhebliche Abwärme gehandhabt, die von tausenden Prozessoren erzeugt wird? Im Winter ist die Sache einfach: Die Abwärme des Rechenzentrums fließt — schlau gelöst — ins Fernwärmenetz, der Wasserverbrauch für die Kühlung selbst bleibt minimal — ein geschlossener Kältemittelkreislauf mit Trockenkühlung über Umgebungsluft kommt ohne Grundwasser aus. Das versichert auch der Bauherr in Lübbenau, der genau dieses Konzept umsetzen will [1][5].
Im Sommer sieht es anders aus: Dann fehlt die Fernwärme-Abnahme, die überschüssige Wärme muss anderweitig weg — und genau dafür reicht reine Trockenkühlung in der Praxis offenbar nicht. Vergleichbare Projekte in Finnland und Dänemark, die seit Jahren Rechenzentrums-Abwärme in Fernwärmenetze einspeisen, brauchen im Sommer zusätzlich eine wassergestützte Verdunstungskühlung [6]. Ein Beispiel, das dieses Sommerproblem ohne Wasser löst, ist uns nicht bekannt. Für einen Landkreis wie Lüchow-Dannenberg, der schon heute unter Wasserknappheit leidet — insbesondere in den Sommermonaten — ist das ein Ausschlusskriterium.
Wo sowas eher hingehört
Der aufschlussreichste Punkt am Lübbenauer Projekt: Es steht auf dem Gelände eines stillgelegten Braunkohlekraftwerks, gewählt wegen der bereits vorhandenen starken Hochspannungsanbindung [9]. An der Küste käme noch ein weiterer Vorteil hinzu: die Kühlung mit ganzjährig verlässlich verfügbarem Meerwasser, wie Googles Rechenzentrum im finnischen Hamina zeigt [6]. Genau dort, wo Netzkapazität und Offshore-Windanbindung schon vorhanden waren, haben auch Google und Microsoft ihre großen niederländischen Rechenzentren gebaut — Offshore-Wind liefert zudem deutlich stetiger als Onshore-Wind [10].
Fazit
Drei Probleme bleiben, und keines davon lässt sich wegdiskutieren.
Im Sommer braucht die Kühlung Wasser — reine Trockenkühlung reicht dann nicht, das zeigen die Vergleichsprojekte in Finnland und Dänemark. Genau das hat der Landkreis nicht: Lüchow-Dannenberg leidet schon heute unter Wasserknappheit, gerade im Sommer.
Ein Rechenzentrum dieser Größenordnung muss rund um die Uhr laufen, ohne Unterbrechung — das schafft nur grundlastfähiger Strom, nicht wetterabhängiger Windstrom. Bei Wind wird lokal verbraucht, bei Flaute importiert dieselbe Anlage die komplette Leistung von außen. In Summe entlastet das Netz also nicht — es belastet es.
Und die Lücke mit Batterien zu schließen bleibt für ein Projekt dieser Größenordnung eine Illusion: nicht mal eine Stunde Stromverbauch lässt sich realistisch mit Speicher überbrücken.
Lüchow-Dannenberg hat für keines der drei Probleme eine Antwort, und die Politiker die diese Ideen propagieren auch nicht. Unser Landkreis ist einfach der falsche Standort für KI-Rechenzentren.
-mk, 22.08.2026
Quellen
[1] Zeitungsartikel „Schwarz Digits öffnet Großbaustelle", Lokalseite, 20.08.2026, Autor Daniel Preikschat (Medienreise zur Baustelle Lübbenau, 18.08.2026).
[2] Bitkom, Presseinformation „Rechenzentren in Deutschland: KI treibt das Wachstum", 2026 — größte deutsche Einzelanlage (NTT Frankfurt 4, Hattersheim) mit 82 MW IT-Anschlussleistung; Gesamtkapazität Deutschland 2.980 MW; geplante Großprojekte u.a. 480 MW (Rheinland-Pfalz), 888 MW (Brandenburg). bitkom.org
[3] Avacon Netz GmbH, Präsentation vor dem Fachausschuss Bauen, regionale Entwicklung und Wirtschaft, 13.02.2025, sowie Netzausbauplan 2024 nach § 14d EnWG (30.04.2024); effektive n-1-sichere Kapazität von Avacon bestätigt.
[4] Zero-Magazin, September 2025, „Windlos durch den Wind — Matthias Kritz über bezahlten Strom, den es gar nicht gibt"; EJZ, 28.04.2025, „Nur ins Netz integrierter Strom leistet einen Beitrag".
[5] SemiAnalysis, „Datacenter Anatomy Part 2: Cooling Systems". semianalysis.com
[6] Fortum, Rechenzentrums-Fernwärme Espoo/Kirkkonummi (Microsoft); Ramboll, Meta Odense Surplus Heat to District Heating; DataCenterDynamics, Google Hamina Seawater Cooling.
[7] Uniper, „Dunkelflauten are normal — not the exception"; CleanEnergyWire, „Prolonged Dunkelflaute shrinks Germany's renewables output", November 2023.
[8] NFPA-110-Standard für Notstromaggregate (branchenüblich); anwalt.de, „Können Rechenzentren abgeschaltet werden? §14a/§13k EnWG". anwalt.de
[9] ChannelPartner, „Schwarz Digits macht Kraftwerk zum Rechenzentrum". channelpartner.de
[10] Fraunhofer ISE Windmonitor, Volllaststunden Offshore vs. Onshore. windmonitor.iee.fraunhofer.de
[11] Epoch AI, „OpenAI Stargate: where the US sites stand", 17.04.2026. epoch.ai
[12] Meta „Hyperion"-Rechenzentrum, Louisiana: CNBC, „Meta's Louisiana data center investment to reach $50 billion, aided by generous tax incentives", 13.07.2026; Yahoo Finance, „Meta expands Louisiana Hyperion data center to 5 gigawatts", Juli 2026.